Anett Stötzner
Transkript des Interviews mit Anett
Hallo, mein Name ist Anett Stötzner, ich bin 40 Jahre alt, schwerbehindert und Rentnerin. Das Projekt motiviert mich, anderen zu erzählen, wie mein Alltag aussieht, wie ich mit Schwerbehinderung lebe.
Ich lebe in einer eigenen Wohnung mit 24-Stunden-Assistenz im Arbeitgebermodell. Ich stehe früh auf, wann ich möchte, kann Unternehmungen machen mit meinen Assistenten, wo ich möchte. Kann frei leben. Menschen verstehen an meinem Alltag oft nicht, dass es auch schwierig sein kann, mit Assistenz zu leben. Egal, ob das im Arbeitgebermodell ist, wie ich das habe, oder im Dienstleistermodell. Es ist schwierig, passende Leute zu finden, die Verantwortung für ihre Arbeit übernehmen. Auch die Chemie ist ganz wichtig. Und die Leute müssten besser bezahlt werden.
Um ein persönliches Budget zu bekommen, war ich beim KMV. Die haben mich beraten und mir eine Sozialarbeiterin an die Hand gegeben, die mit mir den Antrag stellt und hilft, eine Wohnung zu suchen. Als ich die Wohnung hatte, konnte ich mir die Assistenten selber suchen, über Assistenzbörsen und Stellenanzeigen.
Die Bewilligung hat ungefähr ein Jahr gedauert. Ich habe von manchen gehört, bei denen es zwei Jahre oder länger gedauert hat. Oder es erstmal abgelehnt wird und man Widerspruch einlegen muss. Das war bei mir zum Glück nicht so.
Barrieren und schwierige Situationen erlebe ich einige. Zum Beispiel, wenn man mal shoppen gehen will, Stufen in Läden, dass man mit dem Rollstuhl nicht reinkommt. Oder kaum barrierearme Toiletten. Auch nicht alle Bus- und Haltestellen sind barrierearm. Man muss gucken, ob man an der Haltestelle aussteigen kann oder nicht.
Dann die Anmeldung bei der Deutschen Bahn. Es ist nicht möglich, spontan mal nach Dresden zu fahren, man muss sich 24 Stunden vorher anmelden. Es ist gut, dass es sowas gibt, aber es schränkt auch ein. Wenn man früher zurückfahren will, als man es angemeldet hat, geht das nicht.
Eine Diskriminierungserfahrung, die mir besonders im Kopf geblieben ist, dass die Menschen in der Kaufhalle oder beim Arzt immer mit meinem Assistenten reden, statt mit mir. Sie mich nicht als Person wahrnehmen. Und dass ich mal in der Straßenbahn, weil die eine Vollbremsung machen musste, mit dem Faltrollstuhl umgekippt bin. Meine Assistentin war dabei, aber konnte mich nicht so schnell halten. Da hat uns keiner geholfen oder mal nachgefragt, sollen wir den Notruf rufen oder Ihnen helfen? Erst als meine Assistentin nachgefragt hat, weil sie mich nicht mehr hochkriegte.
Dann habe ich in einer Gaststätte mal statt einer Speisekarte ein Malbuch mit Stiften bekommen. Obwohl ich erwachsen bin. Das fand ich sehr diskriminierend.
Und mir fällt immer wieder auf, dass besonders erwachsene, gesunde Menschen mich anstarren, überall, ohne etwas zu fragen, nur starren. Das ist verletzend.
Es müsste sich verändern, dass im Arbeitgeber- und Dienstleistermodell die Bezahlung für Assistenten gleich ist. Und es müsste sich ändern, dass man als erwachsene Frau angesehen wird. Die Leute sollten uns direkt fragen, wenn sie nicht verstehen, was eine Behinderung bedeutet. Bei Kindern ist das einfacher, die sind interessierter als Erwachsene.
Mich selbst zu motivieren, aufzustehen, den Tag zu gestalten und so zu nehmen, wie er kommt, auch mit Schwierigkeiten, nicht den Mut zu verlieren. Und natürlich die Assistenten, die Familie, die Bekannten und Freunde geben mir Kraft.
Die Menschen sollten offen sein für Behinderte und auch für andere Leute. Wir beißen nicht. Wir tun niemandem was. Sie sollten einfach mehr nachfragen, wenn sie was nicht verstehen und mit uns in Kontakt treten.
Zum Abschluss wollte ich noch sagen, es sollte jeder, egal ob behindert oder nicht behindert, für seine Rechte kämpfen, auch wenn es schwer fällt. Den Mut nicht verlieren. Immer positiv denken.