Sandra Zocher
Transkript des Interviews mit Sandra
Ich bin Sandra Zocher. Ich arbeite in der Diakonie und bin dort in der manuellen Gestaltung tätig und mache Etikettieraufgaben.
Mich motiviert [beim Projekt mitzumachen], dass es sehr interessant klang. Dass es für etwas Gutes ist, ein Projekt gegen Diskriminierung.
Ich bin in meinem Alltag sehr selbständig und mache viel alleine. Ich fahre alleine Straßenbahn und lebe in einer großen WG mit 14 Bewohnern auf einer Etage.
Ja, Diskriminierung... naja, am Anfang wurden meine psychischen Probleme nicht so verstanden.Wenn mich was ärgert, verhalte ich mich eher still. Dann wurde ich nicht ernst genommen. Dadurch habe ich mich zurückgezogen. Anstatt zu fragen: Warum bist du gerade so drauf? Wirst du für dein Verhalten ausgeschimpft.
Meine Psyche hat unter meiner Kindheit gelitten, da habe ich manche Sachen vielleicht nicht so gelernt. Wenn man von einer Einrichtung in die nächste wechselt, von einem Tag auf den anderen, muss man erstmal die Umstellung verarbeiten.
Ich wusste, dass irgendwas in meinem Kopf nicht stimmt, aber das Therapeutische oder Medikamente, das kam erst später. Seitdem bin ich viel ausgeglichener. Aber das erstmal zu verstehen, musste ich lernen.
In der alten Einrichtung hätte ich mir zum Beispiel erhofft, dass die Mitarbeiter sehen: Mit ihr stimmt irgendwas nicht. Ist ja erstmal egal, in welche Richtung, aber sich hinzusetzen und mir Unterstützung von außen bringen, das haben die Mitarbeiter nicht gemacht.
Und somit musste ich das in der Erwachseneneinrichtung lernen. Das hat zwar auch ein gutes halbes Jahr gedauert, aber dann bin ich zum Hausarzt und habe Medikamente verschrieben bekommen. Ich wurde angemeckert, warum ich das Personal nicht informiert hätte. Weil ich einfach zum Arzt gegangen bin. Ich dachte: Ihr sagt mir doch auch nicht, wenn ihr zum Arzt geht und was ihr für Medikamente habt. Am Ende seht ihr es sowieso in der Akte.
Barrieren…naja, ich kann nicht alleine in die Straßenbahn. Es gibt Passanten, die helfen. Aber ich habe oft erlebt, dass viele nur da sitzen und blöd gucken oder sich nicht trauen oder mich nicht hören, weil sie Kopfhörer drin haben. Das finde ich eine schwierige Situation, wenn alle Kopfhörer drin haben und du rufst nach Hilfe.
Ich glaube, man kann es nie hundertprozentig gerecht machen, aber dass man wieder mehr aufeinander Rücksicht nimmt. Wenn Leute Hilfe brauchen. Das muss nicht mal ein Rollifahrer sein, es kann auch eine ältere Dame sein oder ein älterer Herr. Man sollte nicht einfach da sitzen und gucken. Selbst wenn man nicht weiß, was man zu machen hat, kann man auf die Person zugehen und fragen: Was brauchen Sie? Dann kann man immer noch entscheiden, ob man sich das zutraut oder nicht.
Kraft im Alltag geben mir meine Ziele, wie Umziehen oder Urlaub machen. Was ich mir gerade wünsche, worauf ich hinarbeite. Und mein Partner. Den verehre ich dafür. Er hat mich mit der Tabletten-Situation unterstützt. Er hat mich noch anders kennengelernt, wie mein Verhalten vorher war, hat oft gesagt: "Noch einmal, und ich mache Schluss." Aber er ist standhaft geblieben und da bin ich sehr stolz auf ihn. Dass er nicht die Reißleine gezogen hat und das mit mir durchgehalten hat. Er hat mir die Kraft gegeben, das umzusetzen. Dass es jemanden gibt, der mir von außen die Kraft gibt und ich mich geborgen fühle. Ich würde mich nie aufgeben, aber das Gefühl wäre eher da, wenn keiner so auf mich achten würde. Als ich noch schlimm drauf war, habe ich oft gesagt, ich gebe mich auf. Aber man muss lernen, mit der Situation umzugehen. Das kann man nur Stück für Stück.
Ich würde der Gesellschaft wünschen, sich mehr zu unterstützen untereinander.