Sarah Lenz

Interview mit Sarah

Transkript des Interviews mit Sarah

Hi, ich bin Sarah. Ich bin Peer-Beraterin bei einer ergänzenden unabhängigen Teilhabeberatung in Grimma. Bin dort auch Teamkoordinatorin und Vorstandsvorsitzende des Vereins.

Bei meiner Arbeit berate ich Menschen mit Behinderungen, das Unterstützungsumfeld, berate zu Fragen zur Teilhabe, Rehabilitation, Selbstbestimmung und alles, was dazugehört.

Ich arbeite seit 2018 als Beraterin und bin da eher zufällig reingekommen. Ich wurde gefragt, ob ich mir das vorstellen könnte, habe erstmal mit einem kleinen Stundenumfang angefangen und mich da total wohl gefühlt. Ich mache die Arbeit super gerne und arbeite jetzt 25 Stunden die Woche dort.

Ich möchte Teil dieses Projektes sein, weil ich die Perspektive einer Frau mit Behinderung aufzeigen möchte. Wir wissen am besten, wie unser Alltag aussieht und wie schwierig es manchmal ist, den Alltag mit einer Behinderung zu bewältigen und was sich gesellschaftlich ändern sollte.

Ich habe einen ziemlich vollen Alltag. Ich gehe arbeiten, organisiere selbst ein Assistenzteam, was mich im Alltag unterstützt. Ich habe einen Hund, der versorgt werden muss. Ich treffe Freunde, gehe auf Konzerte und bin gerne unterwegs. Das ist sehr voll, aber schön.

Der Alltag bedeutet auch immer wieder, dass man seine Kraft einteilen muss. Weil man täglich mit Barrieren konfrontiert ist. Man muss Sachen mitdenken, was für andere selbstverständlich ist. Oft sind es kleine Dinge, die Kraft kosten. Wege, die man planen muss, Dinge, die man organisieren muss. Fehlende Rücksichtnahme von Leuten. Oder Situationen, in denen man sich immer wieder erklären muss. Das kostet Energie.

Es gibt zum einen so sichtbare Barrieren, mit denen ich oft konfrontiert bin, also bauliche oder organisatorische Hürden. Aber oft sind es auch Barrieren in den Köpfen von Menschen. Dass Menschen nicht verstehen, warum man Unterstützung braucht oder dass man sich rechtfertigen muss für die Unterstützung, die man braucht. Das ist oft bei Kostenträgern so.

Die Menschen, die zu mir in die Beratung kommen, das sind wirklich ganz unterschiedliche Menschen, haben oft diskriminierende Erfahrungen auch mit Kostenträgern gemacht. Wenn sie nicht die Hilfe bekommen, die sie brauchen und immer wieder auf Widerstand stoßen. Dinge abgelehnt werden, die beantragt werden. Da unterstützen wir, indem wir zeigen, was ihre Rechte sind.

Eine Diskriminierungserfahrung, die mir im Kopf geblieben ist, das ist keine bestimmte, sondern eher ein wiederkehrendes Gefühl, dass man sich immer wieder rechtfertigen oder erklären muss, warum manche Dinge nicht gehen oder warum ich etwas brauche. Warum Barrierefreiheit so wichtig ist und warum Unterstützungen keine Extrawünsche sind. Mir ist wichtig, zu sagen, dass es dabei nicht um einen Gefallen geht, der einem getan wird, sondern um ein Recht und ganz selbstverständliche Teilhabe.

Sachen, die sich in meinem Leben verändern müssten, damit es einfacher oder gerechter wird, wären beispielsweise Regelungen für Barrierefreiheit. Dass eindeutiger gesellschaftlich und politisch geregelt wird, dass Barrierefreiheit kein nice to have ist, sondern dass es wichtig ist und alles barrierefrei sein muss. Es bräuchte auch Sanktionen. Gerade in der Privatwirtschaft. Bisher ist es ein netter Zusatz, dass Geschäfte oder Restaurants barrierefrei sind. Das steht auch immer unter einem Kostenvorbehalt. Das heißt, nur wenn die Kosten angemessen sind, muss in der Privatwirtschaft Barrierefreiheit umgesetzt werden. Wie das aber aussehen soll, ist nirgendwo festgeschrieben. Deswegen wünsche ich mir, dass es weniger Hürden in der Gesellschaft gibt und mehr Selbstbestimmung.

[Ich wünsche mir auch,] dass Menschen einen weniger bevormunden, sondern uns, den Menschen mit Behinderung, zuhören. Und dass es weniger Mitleid gibt, sondern Gerechtigkeit. Weil Mitleid hilft keinem.

Kraft im Alltag gibt mir vor allem, dass ich weiß, warum ich tue, was ich tue. Um Menschen zu unterstützen und Dinge klar zu benennen, die anders laufen sollten. Ich setze mich für Veränderung ein. Damit Dinge nicht so bleiben, damit Menschen nicht weiter Diskriminierungserfahrungen machen müssen oder damit Barrierefreiheit besser umgesetzt wird.

Außerdem geben mir die Menschen in meinem Umfeld Kraft, bei denen ich mich nicht erklären muss, sondern alles selbstverständlich ist und die Behinderung keine Rolle spielt, sondern ein Teil von mir ist.

Der Gesellschaft möchte ich mitgeben, dass Inklusion kein freundliches Extra ist, sondern ein Recht, das alle Menschen haben. Jeder Mensch ist unterschiedlich und deswegen sollte das auch in der Gesellschaft Beachtung finden.

Menschen mit Behinderung dürfen nicht länger eine Ausnahme, ein Problem oder ein Kostenfaktor sein. Sie gehören ganz selbstverständlich zur Gesellschaft und deswegen hat die Gesellschaft auch Sorge zu tragen, dass wir dazugehören können. 

Anderen Menschen mit Behinderungen möchte ich mitgeben, dass es wichtig ist, für sich einzustehen. Klar zu sagen, wenn irgendwas nicht so läuft, wie man das braucht, Barrieren und Missstände aufzuzeigen und da auch mal unbequem und laut sein.

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Sandra Zocher

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Steven Wellner