Uwe Kürschner
Transkript des Interviews mit Uwe
Hi, ich bin Uwe, ich bin 40 Jahre alt, bin derzeit EU-Rentner [Erwerbsminderungsrente]. Ich lebe seit 23 Jahren in Leipzig und bin in Ostsachsen geboren.
Ich habe schon einige Dinge erlebt, die nicht so cool sind. Ich sitze im Rollstuhl, seit drei Jahren ungefähr, kann ich normal sprechen wie jeder andere auch. Das war früher nicht so. Meine Diagnose war immer unklar und kam nur durch Zufall raus. Durch einen Arztwechsel habe ich einen Gendefekt diagnostiziert bekommen, der relativ selten ist. Ich würde das gerne verbreiten, damit sich Leute testen lassen könnten, weil es so unbekannt ist. Es gibt bestimmt eine Dunkelziffer.
Mein Alltag besteht aus morgens aufstehen, frühstücken, ganz normal. Dann mache ich viel Sport, Physio, viermal die Woche Krafttraining. Ich habe ein Handbike seit einem halben Jahr. Damit fahre ich viel, zum Beispiel um Seen. Ansonsten habe ich einen intakten Freundeskreis. Treffe mich mit Freunden, gehe in Bars, in Clubs, auf Festivals. Wie andere auch.
Es kommen viele Leute und fragen: Ey, was hast du? Da sage ich: Ist das deine erste Frage? Nicht: Wie heißt du oder wo kommst du her? Ne, da kommt teilweise zuerst: Warum sitzt du im Rollstuhl? Dann hab ich schon grundlegend keinen Bock mehr.
Die schwierigen Situationen in meinem Alltag sind die Fußwege, die nicht vorhandenen Fahrstühle in teilweise auch öffentlichen Gebäuden. Zum Beispiel war ich im Zoo mit Freundinnen und Freunden. Der Zoo in Leipzig ist ja relativ schön, bloß der Boden, diese Fußabdrücke sind für Rollifahrer echt kacke. Und wenn man denkt, man sieht mal ein paar Tiere, aber ne, es stellen sich Mütter mit Kindern davor.
Gestern war ich im Bahnhof, hab mir Zugtickets gekauft und da war eine Frau vor mir, die Ausländer beschimpft hat. Fand ich nicht cool. Der Schaltermitarbeiter sah nicht-deutsch aus. Diskriminierung gibt es überall. Eine Diskriminierungserfahrung, die mir im Kopf geblieben ist: Ich bin im Zug gefahren nach Halle mit einer Assistentin. Die Assistentin saß links neben mir, rechts neben mir ein älterer Herr im Anzug. Er fragte dann hinter meinem Rücken meine Assistentin: Was hat denn der? Meine Assistentin war so perplex von der Frage, sie wusste gar nicht, was sie sagen soll.
Das geschieht immer öfter. Leider. Man geht ja auch nicht auf die Straße und spricht willkürlich Leute an und fragt: Warum hast du ein Kind? Am Ende ist es das gleiche. Ich bin relativ offen, was meine Einschränkungen angeht. Aber es ist ja nicht jeder so.
Was müsste sich ändern? Neuere Fußwege, nicht nur diese komischen Platten. Fahrstühle zu Ärzten. Ich mach das ja schon eine Weile mit und es tut sich einiges. Aber leider oft im Verborgenen. Ich hätte zum Beispiel nie von eurem Verein erfahren.
Was mir Kraft im Alltag gibt, so wie bei jedem anderen Menschen auch, Freunde, Familie. Ich glaube, meine positive Einstellung gibt mir Kraft. Aber auch die neuen Dinge, die ich jetzt kann. Ich kann sprechen, ich kann alleine essen, ich kann alleine Rollstuhl fahren, ich kann Sport machen, hab ein Handbike über Crowdfunding bekommen.
Was sich dringend ändern muss für die Gesellschaft, auf jeden Fall mehr Gehör für alle. Sicherlich, wenn man länger darüber nachdenkt, fallen einem tausend Dinge ein. Es geht beim Reisen los. Als Rollifahrer muss man immer aufs Geld achten, weil man ans Sozialamt gebunden ist. Es darf nicht viel kosten. Deswegen flieg ich relativ günstig. Letztes Jahr bin ich mit einem Kumpel nach Barcelona geflogen, wir sind von Berlin abgeflogen und da stand ich dann vor einer riesigen Treppe zum Flugzeug. Ich wurde von meinem Kumpel hochgetragen. In Spanien war alles problemlos. Warum geht das nicht in unserer Hauptstadt?
Ich würde Menschen, die meine Grenzen überschreiten, gerne mitteilen: Was ist ich los mit euch? Könnt ihr meine Privatsphäre nicht akzeptieren? Ich hoffe, es bringt was. Das wäre ganz cool.