Maik Tiedtke

Interview mit Maik

Transkript des Interviews mit Maik

Hallo, ich bin Maik. Ich sitze seit meinem dritten Lebensjahr im Rollstuhl. Ich habe eine spinale Muskelatrophie. Ich freue mich, Teil des Projekts zu sein, weil ich es wichtig finde, dass auch wir Menschen mit Beeinträchtigung gehört und gesehen werden. Ich finde das Projekt, die Idee, uns so zu präsentieren, sehr passend.

Mein Alltag sieht so aus, dass ich seit 2020 ein glücklicher Rentner bin. Ich habe 21 Jahre lang in einer Werkstatt für Menschen mit Behinderung gearbeitet. In der Mediengestaltung. Ich musste aber aufgrund meines Zustandes die Arbeit niederlegen und habe mich dazu entschlossen, einfach das Leben zu genießen und jeden Tag entspannt in einen neuen Tag zu starten. Mein Tag sieht so aus, dass ich morgens ganz entspannt aufstehe, meine Morgenroutine, meine Pflege durchführe und mit einem gemütlichen Frühstück starte. Am liebsten entscheide ich spontan, was ich mache. Ich bin gerne an der frischen Luft und treffe mich mit meinen Freunden. Ich bin ein geselliger Typ. Sitze gerne in Cafés oder Bars und quatsch auch mal mit fremden Menschen. Ich gehe auf Konzerte oder in Restaurants, am liebsten esse ich asiatisches Essen. Ich bin auch sehr filmaffin, gehe gern mal ins Kino oder hier und da auf Tanzveranstaltungen, Elektro-Partys oder mal ein Hardcore-Konzert.

Was die meisten Menschen in meinem Umfeld nicht sehen oder verstehen, ist, dass es einige bis eine Menge Hürden in meinem Alltag gibt. Verschlossene Türen, Treppenstufen. Ich muss mir Gedanken machen: Gibt es in einem Café eine barrierearme Toilette? Wie viele Stufen sind vor dem Laden? Sind die Tische unterfahrbar, dass ich mit meinem Rollstuhl drunter komme? Die meisten öffentlichen Toiletten in kleinen Cafés oder Bars haben nur eine 60er Türbreite. Da passe ich mit dem Rollstuhl nicht durch. Deshalb gehe ich recht häufig auf der Straße zur Toilette, auf meine mitgebrachte Ente und muss mich in eine Parklücke stellen bei Wind und Wetter.

Ich werde in meinem Alltag von meinen Assistenten begleitet. Ich habe seit 2018 eine 24-Stunden-Assistenz über einen Pflegedienst. Die Jungs und Mädels begleiten mich immer von 13 bis 13 Uhr in meinem gesamten Alltag. Sie unterstützen mich bei meiner Pflege, begleiten mich zu meinen Aktivitäten. Ohne Assistenz wäre ich völlig aufgeschmissen. Ich kann meine Hände nicht mehr benutzen und bin zu 100% auf Hilfe angewiesen.

Der richtige Umgang mit meinen AssistentInnen ist zum Beispiel auch eine Herausforderung. Das Zwischenmenschliche. Wir sind natürlich sehr nah beieinander, müssen uns, blind verstehen. Ich nehme Rücksicht auf die Bedürfnisse meiner AssistentInnen und im Gegenzug erhoffe ich mir, dass sie genauso Rücksicht auf meine Bedürfnisse nehmen. In den letzten Jahren ist mein Team sehr stabil geblieben. Ich habe so gut wie keine ständigen Veränderungen. Jeder kommt gern zu mir und ich habe meine Assistenten auch alle sehr lieb gewonnen.

Abgesehen von den Barrieren im Alltag, die sehr offensichtlich sind, wie keine abgeflachten Bordsteinkanten oder Treppenstufen, die natürlich jeder kennt, auch eine Mutter mit Kinderwagen oder eine Oma mit ihrem Rollator, gibt es für mich als Rollstuhlfahrer noch ganz andere Barrieren, die vielleicht nicht so offensichtlich sind. Zum Beispiel, wie ich wahrgenommen werde als Mensch, das ist teilweise unangenehm. Ich werde oft übersehen. Leute, ich sag mal eine Verkäuferin oder die Mitarbeiterin im Amt sprechen erstmal nicht direkt mit mir, sondern über meinen Kopf hinweg mit meinem Assistenten oder Begleiter. Manchmal fühle ich mich etwas übersehen und nicht wahrgenommen.

Eine weitere negative Erfahrung war, als ich die Idee hatte, mit drei guten Freunden, damals StudentInnen, in eine Wohnung zu ziehen. Wir brauchten für die WG natürlich eine dementsprechend große, barrierearme Wohnung. Es gibt Zuständige bei der Stadt, die barrierearme Wohnungen an Menschen mit Beeinträchtigungen verteilen. Die einzige Wohnung, die uns angeboten wurde, war eine kleine Wohnung für mich und eine Dreiraumwohnung für meine Mitbewohner. Und die Sachbearbeiterin von der Stadt meinte, ihr könnt euch ja draußen auf der Terrasse treffen.

Sie meinte zu den anderen: Sind Sie wirklich sicher, dass sie mit ihm in eine WG ziehen wollen? Nach der Aussage mussten wir einfach gehen. Wir haben uns dann selbst um eine Wohnung gekümmert und haben auch eine gefunden. Wir konnten dort zu viert in einer Wohnung leben.

Zu meiner Kindheit und Jugend. Ich war seit meinem sechsten Lebensjahr in einem Internat untergebracht. Wir haben damals Heim gesagt. Das war 1983, tiefste DDR-Zeit. Wir waren auf einer Station untergebracht, wo die Bedingungen sehr mangelhaft waren. Zum Beispiel im Winter wurden wir früh bei einer Zimmertemperatur von 12 Grad gewaschen, weil die Fenster undicht waren und der Wind durchs Zimmer zog. Wir hatten ein Sieben-Mann-Zimmer mit keinerlei Privatsphäre. Trotz der schlechten Bedingungen war es eine schöne Zeit. Man rückt näher zusammen. Es war sehr familiär und die Pflegekräfte haben alles gegeben, damit es uns gut geht.

Eine weitere einschneidende Situation in meinem Leben war, als ich in der 9. Klasse versucht habe, einen Ausbildungsplatz zu bekommen und feststellen musste, dass es einfach keine Möglichkeit gibt. Aufgrund meines hohen Pflegebedarfs wurden mir alle Möglichkeiten, eine Ausbildung zu machen, verwehrt. Ich und meine Mitkollegen standen kurz vor dem Schulaus, wir mussten das Internat verlassen und die Alternative war, in ein Pflegeheim zu gehen. Oder zurück zu den Eltern, was wir beides nicht wollten. Daraufhin haben wir uns selbst um die Möglichkeit der Arbeit gekümmert. Nach Diskussionen mit dem Bürgermeister und den einzelnen Kostenträgern wurde uns ein Werkstatt-Arbeitsplatz eingerichtet in der Diakonie am Thonberg. Parallel dazu mussten wir uns um eine Wohnung kümmern. Das war meine Jugend. Ich war 16 und musste mein Leben komplett umkrempeln und selbst gestalten.

Damit mein Leben einfacher und gerechter wird, wünsche ich mir, dass die Barrieren im Alltag und vor allen Dingen die Barrieren in den Köpfen der Menschen abgebaut werden.

Dass der Umgang mit Menschen mit Beeinträchtigungen zum normalen Alltag gehört, dass früh im Kindesalter begonnen wird, die Kinder zu sensibilisieren. Das sind gute Schritte in Richtung Inklusion. Aber das Thema ist definitiv ausbaufähig. Menschen mit Beeinträchtigung gehören viel stärker ins Stadtbild, sie sollten besser integriert und sichtbar gemacht werden.

Kraft und Mut schöpfe ich vor allem in meiner Flexibilität aufgrund der Unterstützung meiner AssistentInnen. Ich habe einen stabilen, guten Freundeskreis, auf die ich mich verlassen kann.

Ich habe einen wirklich guten sozialen Background und genieße jeden Tag, als wäre es der letzte. Als meine Mom die Diagnose von mir bekommen hat, haben die Ärzte mir eine Lebenserwartung von maximal 18 Jahren gegeben. Mittlerweile bin ich 48. Also ich denke, ich bin da ganz gut durchgekommen.

In der Gesellschaft sollte sich ändern, dass wir Menschen mit Beeinträchtigung besser wahrgenommen und akzeptiert werden im Alltag. Das fängt im Supermarkt an und hört auf im Rathaus, beim Bürgeramt. Es ist wichtig, dass wir akzeptiert werden, wie wir sind. 

Anderen Menschen mit Beeinträchtigung kann ich aus meiner Erfahrung mitgeben, lasst euch nicht unterkriegen, steht für eure Rechte ein, denkt wiederum auch an eure Pflichten, die werden ganz gern vergessen. Und egal wie schwer das Leben sein kann, egal wie schwer Entscheidungen zu treffen sind, ich sage immer: einfach machen. Und wenn es nicht klappt, gibt es immer einen Plan B.

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Benny Münch

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Maria Koschewski