Marion Dahl

Interview mit Marion

Transkript des Interviews mit Marion

Mein Name ist Marion Dahl. Ich bin seit August 2024 Rentnerin. Früher habe ich in der St. Michael gearbeitet, die letzten fünf, sechs Jahre. Und ich bin bei der Feder, seit der Gründung im Januar 2020. Ich schreibe sehr gerne, habe früher schon geschrieben, lange bevor es die Feder gab. Eine Zeit lang war ich auch in der Schreibwerkstatt, habe Beiträge bei Wettbewerben eingereicht. Für mich ist das Schreiben eine Ausdrucksform für meine Gefühle. Es ist mir wichtig, andere Menschen in dieser Gesellschaft zu inspirieren und zu neuen Denkanstößen zu motivieren. Dass sie auch die positiven Seiten des Lebens sehen, was ja heutzutage nicht immer leicht ist.

Ich bin leider kein stabiler Mensch, noch nie gewesen. Es fehlt mir oft an Struktur. Durch meine Pflegestufe hätte ich zwar die Möglichkeit, mir Hilfe zu holen, habe es bis jetzt aber nicht geschafft. Ich habe vieles schleifen lassen. Aber ich gehe gerne zu den Seniorenbegegnungsstätten, bin auch im Nikolaikirchhof, das ist die Kirchenbezirkssozialarbeit, da nehme ich an Vorträgen, Referaten und Diskussionen teil.

Natürlich inspiriert mich die Federarbeit, das macht mir wahnsinnig Spaß. Und wenn sich die Gelegenheit bietet, gehe ich gerne zu Gospelkonzerten.

Wegen der Behinderung habe ich, muss ich ehrlich sagen, noch nie irgendwas Negatives erfahren. Im Gegenteil. Diskriminierung sehr oft und viel, aber nicht wegen der Behinderung. Das hatte andere Gründe. Ich bin eigentlich positiv überrascht, dass es hier in Leipzig so viele hilfsbereite, freundliche und zuvorkommende Menschen gibt. Sie kommen und helfen, ohne dass ich fragen muss. Ich habe früher anderes kennengelernt, als ich noch nicht in Leipzig gewohnt habe. Ich habe über 30 Jahre einen Umgangston kennengelernt, der von einer Aggressivität geprägt war, die schwer zu verstehen ist. Ich wurde mit der Zeit auch so. Weil ich, wie sagt man, Gleiches mit Gleichem vergolten habe. Auch durch meinen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn. Ich habe früher Mobbing erfahren, des Öfteren. Auch aufgrund psychischer Probleme. 

Die Menschen haben eine vorgefasste Meinung, wie eine Person zu sein hat. Und wenn sie nicht so war, wie man sich das vorgestellt hat, wurde man ausgegrenzt oder diskriminiert. Ich war ein Mensch, der sich zu Ausgegrenzten hingezogen gefühlt hat und sich um diese Menschen bemüht hat. 

Ich habe mein Leben lang gekämpft. Jeden Tag. Muss das auch heute. Ich hatte immer wieder mal Depressionen oder depressive Phasen, dunkle Zeiten. Aber meine Fähigkeit, und das kann jetzt widersprüchlich klingen, andere Menschen zu motivieren, ihnen positive Denkanstöße zu geben, das war eine Fähigkeit, die ich schon als Jugendliche stark ausgeprägt hatte. Das war meine Aufgabe, Sinnvolles für andere zu tun. Man hat viele Möglichkeiten, sich gesellschaftlich einzubringen. Daraus schöpfe ich Kraft, Kraft zum Kämpfen.

Ich bin wertvoll. Ich bin kostbar. Und ich bin ich. Und ich bin nicht Klaus, Josef, Rosalinde oder sonst wer, sondern ich bin ich selbst. Und ich sollte auf mich schauen, was habe ich an Fähigkeiten, was gibt es Gutes in mir.

Ich war eigentlich immer Einzelgänger. Ich habe zwar viel Kontakt, aber ich habe keine Freunde in dem Sinne. Diese Beziehung, wo man sich gegenseitig hilft und füreinander da ist, sich gegenseitig besucht, das habe ich immer vermisst. Dieses, wie sagt man, Anlehnen an den anderen, jemanden, dem man sein tiefstes Inneres erzählen kann, das ist, was ich mir wünschen würde. Ich wünsche mir, dass die Leute mehr füreinander da sind und sich gegenseitig helfen, dass sich da auch Freundschaften und Beziehungen entwickeln.

Ich war für andere da, aber ich habe es nie erlebt, dass mal jemand für mich da war. Und ich finde es traurig, ohne das abzuwerten, dass man in eine soziale Einrichtung oder Institution gehen muss, um jemanden zu finden.

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Maria Koschewski

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Mathias Meinke